Zufall? Lobbyismus? Oder politische Einflussnahme? – Die Spur hinter der neuen Cannabis-Regel wird immer brisanter

Zufall? Lobbyismus? Oder politische Einflussnahme? – Die Spur hinter der neuen Cannabis-Regel wird immer brisanter


200.000 Euro an die CSU. Hunderttausende Euro für Lobbyarbeit. Besuche führender Politiker bei FUTRUE. Ein neues Cannabis-Fertigarzneimittel kurz vor dem Marktstart. Eine erstaunlich präzise Frage im Gesundheitsausschuss. Eine erstaunlich präzise Antwort. Und wenige Tage später steht genau diese Konstruktion im Gesetz.

Wie viele Zufälle verträgt eine politische Entscheidung, bevor Aufklärung zwingend notwendig wird?

Genau diese Frage muss man inzwischen stellen.

Denn rund um die neue Regelung zur Erstattung von medizinischem Cannabis ergibt sich eine Chronologie, die immer schwerer als bloße Aneinanderreihung unabhängiger Ereignisse abzutun ist.

Dabei muss eines von Anfang an klar sein:

Korruption ist damit nicht bewiesen.

Aber es gibt dokumentierte wirtschaftliche Interessen, Lobbyarbeit, Parteispenden, politische Kontakte und einen bemerkenswerten Gesetzgebungsprozess. Und das reicht mehr als aus, um nach möglicher politischer Einflussnahme zu fragen.

Ein Medikament mit enormem wirtschaftlichem Potenzial

Vertanical gehört zur Unternehmensgruppe FUTRUE von Clemens Fischer.

Bereits 2021 erklärte Fischer öffentlich, dass mehr als 100 Millionen Euro in die Entwicklung des Cannabis-Fertigarzneimittels investiert würden. Gleichzeitig sprach er von einem möglichen Milliardenmarkt in Europa.

Das wirtschaftliche Interesse an einem erfolgreichen Fertigarzneimittel war also lange vor der späteren Gesetzesänderung offensichtlich.

Und dann beginnt die politische Spur.

Hunderttausende Euro für professionelle Interessenvertretung

Vertanical beauftragte die Lobbyagentur EUTOP.

Allein für 2023 und 2024 sind jeweils 100.001 bis 150.000 Euro dokumentiert.

Damit reden wir innerhalb von zwei Jahren über insgesamt:

200.002 bis 300.000 Euro.

Der Auftrag war bemerkenswert eindeutig beschrieben.

EUTOP sollte Kontakte zu Bundesregierung, Bundesministerien und Bundestag herstellen, Sachstände aufklären und gegebenenfalls „Änderungsnotwendigkeiten“ erläutern.

Zu den Themen gehörten ausdrücklich:

Arzneimittel. Gesundheitsversorgung. Gesundheitspolitik.

Für das Vertanical-Mandat wurden unter anderem der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Leo Dautzenberg und der ehemalige Staatssekretär Michael Odenwald eingesetzt.

Das ist legaler Lobbyismus.

Aber es zeigt unmissverständlich:

Vertanical investierte erhebliche Summen, um seine Interessen dort vertreten zu lassen, wo politische Entscheidungen getroffen werden.

Dann fließen 200.000 Euro an die CSU

Parallel dazu folgt eine zweite Geldspur.

FUTRUE spendete Anfang 2025 insgesamt 200.000 Euro an die CSU.

Auch Parteispenden sind grundsätzlich legal.

Doch anschließend wird die Chronologie politisch interessant.

Söder und Holetschek besuchen FUTRUE

Am 17. Dezember 2025 besuchen Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder sowie CSU-Fraktionschef und ehemaliger bayerischer Gesundheitsminister Klaus Holetschek FUTRUE.

Dabei geht es nach den veröffentlichten Angaben auch um Schmerztherapie.

Doch Holetscheks Kontakt endet dort nicht.

Im März 2026 besucht er FUTRUE erneut.

Dieses Mal gemeinsam mit Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach.

Und diesmal wird es für unsere Geschichte besonders relevant:

Bei diesem Besuch geht es ausdrücklich auch um Vertanical und cannabinoidbasierte Arzneimittel zur Behandlung chronischer Schmerzen.

Führende Gesundheitspolitiker wissen damit spätestens zu diesem Zeitpunkt, woran das Unternehmen arbeitet.

Und Holetschek kennt Pilsinger nicht einfach nur aus derselben Partei

Hier schließt sich ein weiterer Kreis.

Klaus Holetschek und der CSU-Bundestagsabgeordnete Dr. Stephan Pilsinger arbeiteten gemeinsam in der Arbeitsgruppe Gesundheit und Pflege während der Koalitionsverhandlungen.

Pilsinger war zudem Arzneimittel-Berichterstatter der Union.

Wir haben damit eine dokumentierte politische Verbindung:

FUTRUE / Fischer

Holetschek

gemeinsame gesundheitspolitische Arbeit mit Pilsinger

Das beweist nicht, dass Informationen über Vertanical an Pilsinger weitergegeben wurden.

Aber es zeigt, dass die Beteiligten keineswegs in voneinander abgeschotteten politischen Welten agierten.

9. Juni 2026: Exilby wird zugelassen

Dann kommt der entscheidende Zeitpunkt.

Am 9. Juni 2026 erhält Vertanicals Cannabis-Fertigarzneimittel Exilby die Zulassung.

Nach jahrelanger Entwicklung und enormen Investitionen steht das Medikament unmittelbar vor der Markteinführung.

Und nur 13 Tage später passiert im Gesundheitsausschuss etwas Bemerkenswertes.

Die Frage, die alles verändert

Am 22. Juni findet die öffentliche Anhörung statt.

Stephan Pilsinger fragt den damaligen Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses, Josef Hecken, sinngemäß:

Wie könnte ein verbindlicher Vorrang von Fertigarzneimitteln gegenüber Cannabis-Rezepturen geregelt werden?

Das ist keine allgemeine Frage nach Cannabis.

Es geht ganz konkret um eine regulatorische Bevorzugung zugelassener Fertigarzneimittel.

Und Heckens Antwort ist erstaunlich konkret.

Er bringt einen verpflichtenden Therapieversuch mit einem Fertigarzneimittel von mindestens sechs Monaten ins Spiel.

Sechs Monate.

Nicht „eine angemessene Zeit“.

Nicht „zunächst ausprobieren“.

Sondern eine konkrete regulatorische Konstruktion.

Und wenige Tage später steht genau diese Konstruktion im Änderungsantrag

Im ursprünglichen Regierungsentwurf existierte diese Sechs-Monats-Pflicht noch nicht.

Nach der Anhörung reichen CDU/CSU und SPD jedoch den Änderungsantrag 21(14)97 ein.

Und plötzlich findet sich dort genau das:

Ein sechsmonatiger Therapieversuch mit einem zugelassenen cannabishaltigen Fertigarzneimittel, bevor bestimmte andere Cannabiszubereitungen eingesetzt werden können.

Die Konstruktion, die Hecken am 22. Juni auf Pilsingers Frage beschrieben hatte, landet damit wenige Tage später im Gesetzgebungsverfahren.

Und der Änderungsantrag wurde offenbar erst äußerst kurzfristig in die Änderungsliste aufgenommen.

Was können diese sechs Monate wert sein?

Rund 65.000 GKV-Cannabispatienten gelten als von der Neuregelung betroffen. Natürlich werden nicht alle davon Exilby erhalten – und der tatsächliche Exilby-Preis steht noch nicht fest.

Doch schon eine reine Modellrechnung zeigt die Dimension:

Würden beispielsweise nur 25 Prozent dieser Patienten Exilby erhalten und lägen die monatlichen Therapiekosten hypothetisch bei 1.000 Euro, ergäbe das über sechs Monate ein Umsatzvolumen von rund 97,5 Millionen Euro.

Bei 50 Prozent wären es unter denselben Annahmen bereits 195 Millionen Euro.

Das sind ausdrücklich keine prognostizierten Exilby-Umsätze, sondern Rechenbeispiele zur möglichen Größenordnung. Aber sie zeigen, welchen wirtschaftlichen Wert ein gesetzlich vorgeschriebener Zeitraum von sechs Monaten theoretisch entfalten kann.

Und damit stellt sich eine zusätzliche Frage:

War denjenigen, die genau diese sechs Monate vorgeschlagen und anschließend ins Gesetz geschrieben haben, die mögliche wirtschaftliche Tragweite ihrer Entscheidung bewusst?

Zufall?

Vielleicht.

Aber dann müssen wir sämtliche bekannten Vorgänge nebeneinanderlegen:

Vertanical entwickelt ein wirtschaftlich enorm bedeutendes Cannabis-Fertigarzneimittel.

Vertanical bezahlt über Jahre sechsstellige Beträge für professionelle Interessenvertretung gegenüber Politik und Ministerien.

FUTRUE spendet 200.000 Euro an die CSU.

Söder und Holetschek besuchen FUTRUE.

Holetschek besucht FUTRUE später erneut mit der Bundesgesundheitsministerin.

Vertanical und cannabinoidbasierte Schmerztherapie sind dabei Gesprächsthema.

Holetschek arbeitet gesundheitspolitisch eng im CSU-Netzwerk, zu dem auch Pilsinger gehört.

Exilby erhält seine Zulassung.

13 Tage später fragt Pilsinger nach einem verbindlichen Vorrang von Fertigarzneimitteln.

Hecken schlägt sechs Monate vor.

Wenige Tage später übernehmen Union und SPD genau diese Konstruktion.

Und ein Unternehmen, das gerade ein entsprechendes zugelassenes Cannabis-Fertigarzneimittel auf den Markt bringt, könnte von einer solchen Regelung wirtschaftlich erheblich profitieren.

Jeder einzelne Vorgang kann für sich vollkommen legal und erklärbar sein.

Aber Politik findet nicht im luftleeren Raum statt.

Entscheidend ist das Gesamtbild.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr: „Gab es Lobbyismus?“

Das wissen wir bereits.

Ja.

Die entscheidende Frage lautet:

Wer hatte die Idee mit dem verbindlichen Fertigarzneimittel-Vorrang zuerst?

Und noch wichtiger:

Wann wurden die sechs Monate erstmals formuliert?

Denn wenn diese konkrete Konstruktion bereits vor der öffentlichen Anhörung vom 22. Juni in internen Unterlagen auftaucht, wäre klar:

Die vermeintlich spontane Antwort war nicht spontan.

Dann müsste nur noch geklärt werden, woher die Idee kam.

Genau diese Dokumente werden jetzt verlangt

Und hier wird es richtig spannend.

Über FragDenStaat laufen inzwischen Informationsfreiheitsanfragen an Bundesgesundheitsministerium und G-BA.

Gefordert werden unter anderem:

Sprechzettel und Vorbereitungsunterlagen Heckens,

Entwurfsfassungen,

interne Vermerke,

Kommunikation zur Sechs-Monats-Regel,

Kontakte zu Vertanical, FUTRUE und Clemens Fischer,

Kontakte zu deren Interessenvertretern,

E-Mails,

Telefonate,

Besprechungen,

Teilnehmerlisten,

externe Positionspapiere

und mögliche Formulierungshilfen für den Änderungsantrag.

Mit anderen Worten:

Genau die Dokumente, die zeigen könnten, wann und wo diese Regel tatsächlich entstanden ist.

Die Antworten stehen derzeit noch aus.

Deshalb stellen wir eine einfache Frage

Wenn alles unabhängig voneinander entstanden ist:

Dann legt die Unterlagen offen.

Wer formulierte die Sechs-Monats-Regel?

Wann wurde sie erstmals formuliert?

Wer bereitete Pilsingers Frage vor?

Kannte Hecken die Frage vorher?

Welche Gespräche gab es zuvor mit Pharmaunternehmen und deren Interessenvertretern?

Welche Informationen wurden nach den FUTRUE-Besuchen innerhalb von Ministerien und Parteien weitergegeben?

Und welche externen Positionspapiere gingen vor der Gesetzesänderung ein?

Diese Fragen sind keine Verschwörungstheorie.

Sie sind demokratische Kontrolle.

Wir behaupten nicht, dass Korruption bewiesen ist

Dafür fehlt bislang der direkte Nachweis einer unzulässigen Gegenleistung oder Absprache.

Aber genauso unseriös wäre es inzwischen, die dokumentierten Überschneidungen einfach mit einem Schulterzucken als bedeutungslos abzutun.

Wir haben:

Geld.

Lobbyarbeit.

politische Kontakte.

ein wirtschaftlich hochinteressantes Medikament.

eine überraschend konkrete parlamentarische Frage.

eine überraschend konkrete Antwort.

und wenige Tage später eine Gesetzesänderung, die genau diese Konstruktion übernimmt.

Was uns fehlt, ist der Kommunikationsweg dazwischen.

Und genau dieser Kommunikationsweg gehört jetzt vollständig offengelegt.

Denn Demokratie lebt nicht davon, dass Bürger politischen Entscheidungen blind vertrauen.

Demokratie lebt davon, dass politische Entscheidungen überprüfbar sind.

Vielleicht ist am Ende tatsächlich alles sauber gelaufen.

Dann sollten vollständige Transparenz und die Veröffentlichung der Entstehungsunterlagen kein Problem darstellen.

Sollten die Unterlagen jedoch zeigen, dass die Sechs-Monats-Regel bereits vor der Anhörung vorbereitet und über bislang unbekannte externe Kontakte in den politischen Prozess getragen wurde, dann müsste die Geschichte dieser Gesetzesänderung neu geschrieben werden.

Bis dahin bleibt eine Frage im Raum:

Wie viele „Zufälle“ braucht es eigentlich, bis Politik erklären muss, wie eine Entscheidung wirklich entstanden ist?

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